Bullerbü?!

Pippi Langstrumpf ist auch keine Alternative.

 

 

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Wir treffen uns am Abgrund.

 

Wir grinsen uns an und gucken runter. Echt tief.

 

Das Grinsen in Deinem Gesicht versteckt die Wut nicht und nicht Deine Fassungslosigkeit. Mein Lachen ist immer drei Nuancen zu schrill und mein linkes Auge hat seit de Trennung so ein unangenehmes Dauerzucken entwickelt. Du redest so reflektiert und ruhig, dass ich Angst habe, dass Du jeden Moment einen Sprengstoffgürtel zündest. Aber Du hast gar keinen um.

 

Unten liegt ein riesen Haufen kaputter Träume. Scheiße in rosa und himmelblau. Oder gelb und blau, mit schwedischem Holzhausrot. Da liegt unsere Zukunft, unsere Vergangenheit. Hingekotzt.

 

Dabei haben wir alles so gemacht, wie sie es uns gesagt hatten.

 

Dieser Traum von Bullerbü, den uns unsere alternativen Halböko-halblinksinterlektuellenbildungstumseltern mit in die Wiege gelegt haben, wir haben daran geglaubt ,wir haben uns so viel Mühe gegeben, uns so lange zu verbiegen, zu belügen, bis wir da reinpassen.

 

Dieses weiß-blonde Idealbild von Familie, Mutter, Vater, Knecht und anderen Leibeigenen, Kinder. Ein Leben im Holzhaus und daneben ein Apfelbaum und hinter dem kleinen Wäldchen liegt der See, wo wir im Sommer nackt von dem kleinen, wackligen Holzsteg hinspringen und baden. Das war unsere Reinform von Zufriedenheit und Sehnsucht. Das war unser Paradies, unsere Vorstellung von Glück.

 

Wir liebten Pippi, weil sie so stark und unabhängig war. Das sie offen radikal-rassistisch argumentierte und ein kompletter Band ausschliesslich kruder Kolonialisierungsphantasien gewidmet war, nahmen wir stillschweigend in Kauf. Dass Ole und Lasse den N* als Objekt ihrer Witzeleien wählen, stört uns nicht. Das N*Wort ... musste ja immer auch im Kontext der Zeit betrachten. Als ob Rassismus vor 50 Jahren weniger rassistisch war war! Das Michel von seinem Vater schlimmste Gewalt und Demütigung erfährt und niemand diesen erwachsenen Tyrannen zur Rechenschaft zieht - kein Problem. Auch Löneberga ein Symbol der heilen Welt.

 

Frauen, ob in Löneberga, in der Krachmacherstrasse oder in der kleinen Stadt, sind Mägde oder Mütter. Manchmal auch Engel. Einfältig, glücklich, immer das Wohl der Liebsten im Blick. Auch Lovis, die im Wald mit den Räubern haust...geliebt haben wir sie, wie sie die Gewalt ihres cholerischen Mannes stoisch erträgt, keine Widerrede, wenn gar Borka fordert, Matthis möge ihr vorlautes Mundwerk stopfen. All diese Bilder, Figuren, Zusammenhänge prägten die Vorstellungen idealer Lebensentwürfe unserer Generation, prägten uns.

 

Und wir? Wir haben diese Konstrukte inhaliert. Wir haben Beziehungen aufgebaut, Kinder bekommen. Wir leben in den richtigen Vierteln der Stadt. Wir haben es geschafft. An unseren Fenstern hängen jahreszeitentsprechende Bastelwerke unserer Nachkommen - Ergebnis unserer pädagogisch wertvollen Erziehung. Aus unseren Häusern dringt Lachen und der Duft von selbstgebackenem Kuchen. Wir gehen arbeiten, saugen Staub und machen das Abendbrot. Es ist alles wunderschön und perfekt.

 

Und dann sitzt dein Kind heulend in der Küche, weil die anderen Kinder gesagt haben, Kinder mit dunkler Haut können nicht Prinzessin sein, weil das dreckige Haut ist. Und du bekommst plötzlich mit, dass dein Mann seit Jahren Pornos konsumiert und gerade Nacktbilder von der Schaupielerin, aus dem Film, den er mit eurer Tochter guckt, runterläd. Deine nette Nachbarin wählt seit neustem die AFD und der Mann deiner Mutter hasst sie, weil sie es gewagt hat einfach so Krebs zu bekommen. Ohne ihn zu fragen. Du kommst nach Hause und stellst fest, dass dein Mann gerade zu seiner neuen Sexualpartnerin oder Muttiersatzfrau gezogen ist, kommt drauf an, wie Du sie nennen willst. Du sitzt im Bus und wirst als Pack bezeichnet, Unbekannte machen Tiergeräusche, wenn Du die Strasse überquerst, Deiner Familie wird ihr Existensrecht abgesprochen und in der S-Bahn pinkeln irgendwelche besorgten Bürger Kinder an.

 

Es ist egal, wie sehr wir uns bemühen, da ist kein Weg nach Bullerbü. Da war nie einer gewesen.

 

Unsere Schwarzen Brüder, Schwestern, Söhne und Töchter, Mütter*, Väter* waren nie erwünscht in Bullerbü. Das  rote Holzhaus mit unseren LGBTTIQ* Partner*innen zu bewohnen, war aussichtslos. Der Waldboden war nicht für Rollstühle gedacht, besondere Befähigungen waren von vornerein unerwünscht. Wir hatten nicht nur die falschen Eltern/ Kinder/ Lebensgeschichten, wir selbst waren falsch. Wir waren nicht gewollt in Bullerbü, waren nie Teil davon.

 

Du nimmst meine Hand. FUCK BULLERBÜ! , sagst Du. Wir spucken in den Abgrund, drehen uns um und gehen.